St.Gallen und der Slam: 20 Jahre Geschichte

St.Gallen und der Slam: 20 Jahre Geschichte

Im September kommen die internationalen, deutschsprachigen u20 Poetry Slam Meister*innenschaften nach St.Gallen. Somit kehrt der u20 Slam zurück in seine Wiege. Zeit also für einen Rückblick.

 

Von Chicago nach Deutschland – ein Importprodukt

Der weltweit erste Poetry Slam ging in Chicago in The Green Mill über die Bühne. Was 1986 den Bauarbeiter Marc Kelly Smith dazu bewegt hatte, dieses Literaturformat zu begründen, wird von den älteren Slam-Generationen in der Form mündlicher Erzählungen weitergegeben: Gelangweilt von öden Wasserglas-Lesungen und versnobten Lyriker*innen entschloss sich Smith dazu, die Bühne für jede und jeden zugänglich zu machen und das Publikum in den Event miteinzubeziehen.

In den frühen 90ern fand der neuartige Event seinen Weg nach Deutschland, wo in Berlin 1997 die ersten deutschsprachigen Meister*innenschaften ausgetragen wurden. Im Jahr 2000 kam der Slam schliesslich  in die Schweiz. Und somit auch nach St.Gallen

 

Die Urzeit der St.Galler Slamszene

Das Format wurde anno 2000 von Lukas Hofstetter nach St.Gallen gebracht. Die Idee dazu kam ihm, als er von der ersten Deutschland-Tournee in der Zeitung gelesen und nachdem Zürich, Bern wie auch Luzern die Dichter*innenschlacht adaptiert hatten. Ein halbes Jahr später folgte dann St.Gallen.

Zu Beginn war es schwierig, Leute für den Wettkampf zu begeistern. Egal ob Rapper*in, Jungautor*in oder Liedermacher*in: Wer auf der Bühne stand, wurde von Lukas angefragt. Als Slammer erster Stunde war auch Etrit Hasler mit von der Partie. Richi Küttel, Haslers langjähriger Moderationspartner und Erfinder des u20 Slams, folgte kurze Zeit später.

Zu Beginn war Richi skeptisch. Aber nach zwei oder drei Slams im flon wagte er sich selbst auf die Bühne.

 

Farbenfrohe Formfreiheit

Die Vergangenheit der Slam-Metropole St.Gallen verliert sich im Nebel vergangener Pressetexte und Erzählungen. Die Poesieschlacht hat es hier bunt getrieben: von den ersten Schulslams im 2003, über den ersten Schweizer Dead or Alive Slam, an dem Slam Poet*innen als lebende Dichter*innen gegen Schauspieler*innen im Gewand von toten Schreibenden antreten, bis hin zum legendären Showcase vor atemberaubenden 5000 Leuten am Openair St.Gallen 2003.

Poetry Slam kam mit dem Event am St.Galler Openair erst so richtig ins Rollen. Es wird sogar gemunkelt, dass die Band Tocotronic auf der Hauptbühne weniger Publikum gehabt habe als die Slam-Show auf der Sternenbühne.

Seit Anbeginn ist der Slam Gallen einer der konstantesten Slams der Schweiz und auch einer der innovativsten. Hier in St.Gallen wurden die ersten Schweizer Meister*innenschaften im Poetry Slam für Jugendliche veranstaltet, hier gab es einst einen Kampf der Dichter*innen im Boxring, hier war und ist richtig was los. Vom flon bis zur Grabenhalle, von der Lokremise, dem Theater St.Gallen, ja bis hin zum Kugl: Wo in St.Gallen ein Ort der Kultur ist, da ist der Slam nicht weit. In der einen oder anderen Form.

St.Gallen hat den Rap Slam, den Team Slam und zum Beispiel auch den Jazz Slam in die Schweiz geholt. Kulturlocations wie das Palace, das Figurentheater und das alte KinoK wurden bespielt und bei einem Erotik-Slam in der Kellerbühne mussten 300 Neugierige weggeschickt werden. Auch hier gilt wohl: Sex sells.

Poetry Slam fand aber auch seinen Weg in Bildung und Unterhaltung: An insgesamt vier Mittelschulmeister*innenschaften traten Schüler*innen von jeweils vier Mittelschulen nach etlichen Workshops gegeneinander an. Ausserdem galt die Lesebühne Tatwort lange als gute Alternative zum Tatort im Fernsehen. Der monatliche Event beehrte erst das Baracca, dann die Südbar – ehe sie kurz vor der Pandemie-die-nicht-genannt-werden-sollte nach über 7 Jahren ihre letzte Lesung feierte.

Kurz: Poetry Slam hat sich also in der Ostschweizer Metropole etabliert. Als Event, als Bühne und als Kunstform.

 

Fotografie: Pierre Lippuner

Kinder dieser Stadt

Neben den bereits erwähnten Haslers und Küttels hat unsere Stadt auch andere bekannte Bühnendichter*innen ausgespuckt. So unter anderem den zynischen Sam Hofacher, Göldin, den Basler Schauspieler Romeo Meyer, die Poetin Lillemore Kausch oder den Goldacher Satiriker Renato Kaiser.

Auch der St.Galler u20 Slam konnte einigen Namen ihre Wurzeln geben: die legendäre Lara Stoll, die erfolgreiche Slam Poetin Mia Ackermann, die skurrile Comedienne Miriam Schöb und das semi-erfolgreiche Slam-Duo Pink im Park. Sogar ein Grossteil unseres Organisationsteams ist dem u20 Slam St.Gallen entwachsen.

Immer noch pilgern Slammer*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach St.Gallen, um in der Grabenhalle aufzutreten. Manche ansässigen Slammenden zieht es fort, manche Poet*innen verschlägt es von weit her in die Gallusstadt. Doch alle sind sich einig, dass Mensch sich hier gerne vors Publikum stellt.

 

Poetry Slam und St.Gallen in der Gegenwart

Die Ostschweizer Slam-Kultur blickt – wie wir bereits gemerkt haben – auf eine reichhaltige Geschichte zurück.

Dennoch ist die Entwicklung des Dichter*innenwettstreits hier noch lange nicht zu Ende. Aus dem bunten Gemisch von regulären Wettbewerben, Specials und Showcases haben sich verschiedene regelmässige Veranstaltungen entwickelt. Zum traditionellen Slam in der Grabenhalle hat sich der Open-List Ost Süd Slam in der Südbar gesellt, wo sich Neulinge an Bühne, Performance und Moderation probieren können.

In der Militärkantine finden Soloshows verschiedenster Slam-Poet*innen ihre Bühnen, der u20 Slam in der Ostschweiz floriert weiterhin in der Ur-Location flon und am Literatur Festival Wortlaut wird nicht nur jährlich ein Dialektslam durchgeführt, sondern verschiedenste Slam-Künstler*innen von nah und fern stellen ihre Kunst vor. Der Slam ist sogar ans Openair St.Gallen zurückgekehrt – mit etwas weniger Publikum, versteht sich.

Poetry Slam ist aus der Kulturlandschaft in St.Gallen fast nicht mehr wegzudenken. Das Gemisch aus Literatur und Performance zieht weiterhin neue Gesichter an, ob als Zuschauer*in oder Teilnehmer*in. Und solange der Kampf der Dichter*innen hier schon existiert, so wird er hoffentlich auch weiterhin bestehen.

U20 Slam Papi Richi Küttel liebt das Event-Format noch immer: «Es ist wirklich was Besonderes, wenn heute noch 400 Leute verstummen, weil ein ernster Text vorgelesen wird.»

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